Arbeitsprobe: Geschichten aus meinem deutsch-koreanischen Leben - My big fat Korean family

Haben Sie eigentlich den Film „My big fat Greek wedding“ gesehen? Da geht es um eine griechische Großfamilie, die in die USA eingewandert ist, eine griechisch-amerikanische Hochzeit und um den Zusammenprall zweier Kulturen. Sie glauben bestimmt, dass die Darstellung dieser südländisch-chaotischen Großfamilie völlig überzogen ist und erklären sich das mit der ganz eigenen Dramaturgie Hollywoods. Ich hingegen kann aus eigener Erfahrung sagen: Es ist die reine Wahrheit! Großfamilien, vor allem wenn sie aus Kulturen südöstlich von Mitteleuropa stammen, sind so! Ich kann das beurteilen….

 

Meine koreanische Verwandtschaft ist sehr groß. Es gibt neben Oma und Opa väterlicherseits, die mit ihren über 90 Jahren noch immer mehr oder weniger selbständig auf ihrem Reisbauernhof leben, acht Onkel und Tanten. Diese sind mit acht weiteren Menschen verheiratet und pro Ehepaar gibt es zwei Kinder. Eine Ausnahme bildet der jüngste Onkel mit nur einem Kind. Diese Kinder sind teilweise auch schon verheiratet und haben ebenfalls Kinder. Alles in allem sind wir rund 50 Personen, die zum engsten Familienkreis gehören. So genau weiß ich das jetzt aber auch nicht, ich verliere da schnell den Überblick. Es sind so viele Menschen…

 

Dazu kommt aber noch die Familie meiner Mutter. Eltern hat meine Mutter schon lange nicht mehr. Dafür aber zwei Schwestern und einen Bruder, der aber leider auch schon verstorben ist. Auf jeden Fall kommen wir mütterlicherseits mit Mamas Geschwistern, deren Ehepartnern, Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln auf 21 (!) weitere Personen. Ebenfalls engster Familienkreis…

 

Und so kann ich erklären, warum gerade 70 Menschen am Incheon International Airport um mich herum stehen und mehr oder weniger in Tränen aufgelöst sind, weil meine Eltern, mein Bruder und ich unseren Familienurlaub in Südkorea beenden. Jeder will noch etwas sagen, eines der „deutschen“ Familienmitglieder an sich drücken, ein Geschenk loswerden, ein Foto machen oder alles zusammen. In diesen Momenten habe ich das Gefühl, ein Soldat zu sein und in den Krieg zu ziehen. „Wir fahren ja nur nach Deutschland. Das ist ein zivilisiertes und auch sehr sicheres Land. Auch wenn die Sommer kalt und regnerisch sind“, versuche ich meine Oma zu beruhigen. Bei ihrem letzten und bislang einzigen Deutschlandaufenthalt war ihr nämlich aufgefallen, dass im Ruhrgebiet kaum US-Soldaten stationiert sind. Dass der kalte Krieg überall sonst auf der Welt beendet ist, will sie nicht glauben. Kim Jong Un ist schließlich noch an der Macht.

 

70 Menschen, die alle auf eine vierköpfige Kleinfamilie fokussiert sind, das fällt schon auf. Selbst am Incheon International Airport in Südkorea. Aber wir können noch sehr viel mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Zum Beispiel, wenn wir uns auf einen unserer „Familienausflüge“ begeben. Um der Hochzeit meines jüngsten Onkels in der südlichen Hafenstadt Pusan beizuwohnen, sind wir alle zusammen mit dem Flugzeug von Seoul nach Pusan geflogen. Die Familie meiner Mutter war natürlich nicht dabei, trotzdem kamen wir auf die stattliche Zahl von rund 50 Personen. Ein Taxi nach dem nächsten hielt vor dem Flughafen an und jedem entstieg eine drei- bis vierköpfige Kleinfamilie, die zu uns gehörte. Alle Menschen, die in der Reihe am ersten Check-In Schalter anstanden, trugen den Familiennamen „Jung“, bzw. waren mit jemandem verheiratet, der diesen Namen führt.

 

In der Wartezone besetzten wir vier Sitzreihen hintereinander und wer so leichtsinnig war, sich an der Snackbar mit ein wenig Proviant einzudecken, musste entweder aufpassen, dass ihm nichts vom Teller geklaut wurde. Oder einfach 50 Portionen bestellen. Auch im Flugzeug selbst besetzten wir einen Großteil der Sitze. Ich glaube, es waren fast alle… Das war übrigens der lustigste Flug meines Lebens. So muss es sein, wenn man mit einem Privatjet fliegt, wo man alle anderen Passagiere mit Namen kennt.

 

Manchmal ist das Großfamilienleben aber auch ganz schön anstrengend. Zum Beispiel, wenn ALLE Verwandten meinen, dass sie uns „Deutsche auf Heimaturlaub“ mindestens einen Abend zu sich nach Hause einladen müssen. Ich will Sie nicht weiter mit langweiligen Zahlen strapazieren, aber bei einem dreiwöchigen Aufenthalt, sprich 21 Abenden, und mindestens elf Einladungen (manche laden zweimal ein), bleiben nicht mehr so viele übrig, die man „privat“ verbringen könnte. Dafür kommt man viel rum, denn unsere Verwandtschaft ist über ganz Seoul verteilt.

 

Oder wenn wir alle miteinander einen der hohen koreanischen Feiertage bei Oma und Opa auf dem Land verbringen. Dann setzt sich jede Kleinfamilie in einen PKW und fährt auf den Reisbauernhof der Großeltern. Da auch alle anderen koreanischen Kleinfamilien die Großstadt Seoul verlassen, um zu den Großeltern auf Land zu fahren (Seoul besteht ja fast nur aus „Zugezogenen“), stehen wir den halben Tag im Stau, um viele Kilometer zu Oma zu fahren. Dort angekommen, verbringen wir mindestens eine, wenn nicht sogar mehrere Nächte dort. Und spätestens jetzt fängt es an, richtig lustig zu werden.

 

Das Haus meiner Oma besteht nämlich lediglich aus Küche, Bad, einem Wohnzimmer und zwei Schlafzimmern. Der Alltag auf einem Bauernhof findet weniger im Haus, sondern auf den Feldern, in den Obstgärten, in den Wäldern und dem Hof statt. Jedenfalls war das früher so. Deswegen brauchte die Familie auch nicht so viel Platz im Haus. Außerdem kamen die neun Kinder ja auch nicht alle auf einmal, sondern schön nacheinander. Zwischen dem ersten und dem letzten liegen so viele Jahre, dass man sie für Vater und Tochter halten könnte. Meine jüngste Tante ist daher auch nur elf Jahre älter als ich und damit jünger als so manche meiner Freundinnen. Aber heute ist das alles ganz anders:

 

Ungefähr drei Dutzend Menschen (alle mit mir verwandt!) tummeln sich für die nächsten 48 Stunden unter einem Dach. Gleichzeitig! Unter einem sehr kleinen Dach! Meiner Meinung nach eine soziale und logistische Meisterleistung, die wir da erbringen. Alle Personen zu beköstigen ist dabei das geringste Problem. Wie sagt man doch so schön: Viele Hände, schnelles Ende?!? Auf jeden Fall sind alle weiblichen, erwachsenen Familienmitglieder ein über Jahrzehnte eingespieltes Team. In Windeseile wird gekocht, aufgetischt, abgeräumt und gespült.

 

Das geht alles so schnell, dass man aufpassen muss, dass man zwischendurch auch wirklich etwas zu essen bekommt. Da wir nicht alle gleichzeitig an einem Tisch sitzen können (so einen großen Tisch habe ich noch nie gesehen – höchstens im Fernsehen), müssen wir in Etappen essen. Aber auch das kriegen wir jedes Mal, dank einer oder zwei dominanter Tanten, die alle(s) im Griff haben, reibungslos hin. „Ist ein bisschen wie im Krieg, nicht wahr?“, sagt meine Mutter jedes Mal. Dazu kann ich nicht viel sagen. Ich war – Gottseidank - nie im Krieg. Aber meine Mutter hat als kleines Kind den Koreakrieg erlebt. Sie muss es also wissen…

 

Um zu schlafen, müssen wir einen Damenschlafsaal und einen Herrenschlafsaal einrichten. Und das geht so: In einem traditionellen koreanischen Haus, also auch bei Oma, gibt es ja kaum Möbel, wie wir sie bei uns im Westen kennen. Geschlafen wird zum Beispiel auf dünnen Matratzen auf dem Fußboden, die man tagsüber einrollt und wegpackt. Kennen Sie bestimmt aus dem Fernsehen. Also werden beide Schlafsäle komplett mit den Matratzen ausgelegt und wir können uns, getrennt nach Geschlechtern, zum Schlafen legen. „Ist ein bisschen wie in einer deutschen Jugendherberge, nicht wahr?“, frage ich meine Mutter. Dazu kann sie nicht viel sagen. Sie war noch nie in einer deutschen Jugendherberge.

 

Und trotzdem macht das Leben mit dieser Großfamilie unglaublich viel Spaß. Erstens ist immer was los und es wird nie langweilig. Da weigert sich zum Beispiel der zum Christentum übergetretene älteste Onkel, die schamanistisch-konfuzianische Ahnenzeremonie weiter durchzuführen, weil Jesus diesen Heidenkult verbietet. Und stürzt damit meine Oma in tiefste Verzweiflung. „Wer ehrt mich mit dieser Zeremonie, wenn ich nicht mehr da bin?“ Dabei ist Oma Buddhistin und wird nach vielen weiteren Leben irgendwann ins Nirwana eingehen. Dann braucht sie keine Ehrungen im Diesseits, um ewige Glücksseligkeit zu erlangen.

 

Zweitens ist man nie allein. Irgendeiner zeigt immer echtes Interesse und/oder Anteilnahme, bietet seine Hilfe oder Unterstützung oder steht mit einem guten Rat zur Seite.

Und drittens hätte ich doch gar nichts, worüber ich schreiben könnte.