Genug …

„Die meisten Menschen haben zu hohe Erwartungen.“ Die chinesische Wirtin meines liebsten Chinarestaurants ist eine sehr nette, reflektierte Frau im mittleren Alter und mit einer schicken, schwarz-weißen Bobfrisur. „Deshalb sind so viele Menschen unglücklich.“

 

 

 

Nun, wenn man von so einer weisen Frau bewirtet wird, braucht man eigentlich keine Glückskekse mehr. Obwohl ich dieses Ritual immer noch ganz bezaubernd finde. Den trockenen Keks (kann man den eigentlich wirklich essen?) ganz in Ruhe nach einem leckeren chinesischen Essen knacken, den schlauen Spruch lesen, drüber nachdenken. Und natürlich ganz neugierig schauen, welchen Spruch die Begleitung in Händen hält. Aber zurück zu den Erwartungen.

 

 

 

Im Laufe meiner Entrümpelungsaktionen habe ich festgestellt, dass man nicht nur materielle Dinge abwerfen kann. Denn viel schlimmer als der materielle Ballast ist der nicht-materielle. Und damit meine ich jetzt mal nicht nervende Menschen und negative Leute, die einem nicht guttun. Sondern auch überflüssige und/ oder ineffiziente Aufgaben, Projekte, Arbeiten, Vereinsmitgliedschaften, Beschäftigungen, Hobbies. Alles Dinge, die mich unnötig aufhalten und nicht wirklich weiterbringen. Also, weg damit!

 

 

 

Nachdem ich nun fast alles, was überflüssig ist, aus meinem Leben geworfen habe (fertig bin ich aber noch lange nicht damit … Mein Keller ist immer noch ziemlich vollgestopft!), dämmert es mir, dass es dennoch noch jede Menge Dinge gibt, die ich loslassen könnte. Oder sollte. Zum Beispiel meine Erwartungen.

 

 

 

Natürlich ist das eine wahnsinnig schwierige Aufgabe. Jeder Mensch hat Erwartungen. Das ist auch richtig so, denn ganz ohne Erwartungen wird es schwierig, so etwas wie einen Alltag zu gestalten. Eine Erwartung ist ja erst einmal nicht anders als die Annahme eines zukünftigen Ereignisses. Also, ich nehme an, dass mein Auto anhält, wenn ich auf die Bremse trete. Oder ich nehme an, dass ich morgen früh wieder aufwache und am Leben teilnehmen kann. OBWOHL ich keinen einzigen Beweis dafür habe…

 

 

 

Aber ich meine natürlich eine ganz andere Liga von Erwartungen.  Ein paar Beispiele:

 

 

 

1. Arbeiten: Ich erwarte, dass mir alle Arbeiten immer ganz viel Spaß machen, stets motivierend und nicht zu schwierig sind und überdurchschnittlich bezahlt werden. Auch die Arbeiten in Haus/ Garten/ Familie.

 

 

 

2. Mitmenschen: Ich erwarte, dass sich alle Menschen immer genauso verhalten, wie ich es möchte.

 

 

 

3. Essen: Ich erwarte, dass ich alles essen kann, was ich will. Und dabei supergesund und fit bleibe und kein Gramm zunehme.

 

 

 

4. Erfolg: Ich erwarte, dass alle meine Projekte und Aufgaben von glänzendem Erfolg gekrönt sind und ich niemals scheitere.

 

 

 

5. Glück: Ich erwarte, dass ich immerzu glücklich und erfüllt bin und niemals schlechte Laune habe.

 

 

 

Hmhhh … Wenn ich das so lese, klingt das Meiste ziemlich lächerlich und unrealistisch. Und dennoch muss ich zugeben, dass ich in Wirklichkeit EXAKT solche Erwartungen hege. Denn ich kann einfach nicht genug kriegen: Vom (vermeintlichen) Glück, vom Erfolg, vom Essen (Gott sei Dank bin ich dennoch schlank!), von mich wertschätzenden Mitmenschen, vom „angenehmen“ Arbeiten. Man nennt so etwas wohl „Sucht“. Oder „Gier“. Auf jeden Fall machen mich meine eigenen Erwartungen ganz schön fertig!

 

 

 

Der Autor John Naish rät in seinem Buch „Genug“ dazu, einfach mal „Stopp“ zu sagen und es beim Status Quo zu belassen. Und damit schlichtweg zufrieden zu sein. Eine simple und gleichzeitig ungeheuerliche Theorie:  Zufrieden sein? Mit dem, was man hat? Auf Dauer? Aus dem Hamsterrad aus Erwartungen, Ansprüchen und (überzogenen) Wünschen auszusteigen? Wow! Wie revolutionär!

 

 

 

Und was kommt dann? Nun, ich weiß auch nicht, wohin die Reise geht. Aber Erwartungen zu senken (nichts zu erwarten wäre geradezu mönchisch …) senkt gleichzeitig meinen Stresslevel. Fühlt sich eigentlich ganz gut an. So relaxt. Mal schauen, wie lange ich das durchhalte.

 

 

 

Glückskekse esse ich aber trotzdem weiter. Von Weisheit kann man schließlich nie genug haben.